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ROSE OKULATION

Rauminszenierung

ROSE OKULATION ist eine Bildgruppe aus sieben einzelnen Mixed Media Leinwänden, die mit Perlen und Garn bestickt sind. Holzleisten fassen die Werke in Überlagerungen und Rahmung. Den bildnerischen Arbeiten steht eine Holzkonstruktion gegenüber, die an ein Spalier erinnert. Umrahmt sind die Arbeiten durch Papierelemente an der Wand, die wiederum die Farben- und Perlenidee aufnehmen.

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GB 67 CAN (Rose Canina),

122 x 102,5 x 6,5 cm, Mixed Media Painting,

hand embroidery with beads, wood, canvas

GB 68 GAL (Rose Gallicanae),

67,3 x 48,3 x 5 cm, Mixed Media Painting,

hand embroidery with beads, wood, canvas

GB 69 CAS (Rose Cassiorhodon),

122 x 82 x 5 cm, Mixed Media Painting,

hand embroidery with beads, wood, canvas

GB 70 SYN (Rose Synstylae),

122 x 102,5 x 5 cm, Mixed Media Painting,

hand embroidery with beads, wood, canvas

GB 71 CHI (Rose Chinensis),

122 x 107,5 x 5 cm, Mixed Media Painting,

hand embroidery with beads, wood, canvas

GB 72 MOS (Rose Moschata),

122 x 102,5 x 6,5 cm, Mixed Media Painting,

hand embroidery with beads, wood, canvas

GB 73 ARV (Rose Arvenis),

69,7 x 57,5 x 5 cm,

Mixed Media Painting, hand embroidery

with beads, wood, canvas

ROSE OKULATION, Rauminszenierung, ITARICON GmbH, Dresden

ROSE OKULATION

Text: Mathias Wagner, Kunsthistoriker, Dresden 

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Schon der Titel ist fragwürdig, fragwürdig im Sinne einer möglichen Bedeutung? Die Wörter „Rose“ und „Okulation“ tauchen im ersten Bild der hier ausgestellten Folge als Begiffspaar auf und stehen offensichtlich nicht nur in Beziehung zueinander, sondern verweisen zugleich den konzeptuellen Ausgangspunkt der siebteiligen Serie, klammern sie sprachlich gewissermaßen ein. Aber während das Wort „Rose“ in unserer Wahrnehmung ohne Probleme mit Vorstellungen und Bildern verknüpft wird, bleibt „Okulation“ wahrscheinlich für die meisten von uns zunächst ein Fremdwort. Etwas Bekanntes trifft auf etwas Unbekanntes und dazwischen spielt sich gewissermaßen einerseits die Arbeit des Künstlers ab, andererseits sind wir als Betrachterinnen und Betrachter aufgefordert, dieses „Dazwischen“ im übertragenen Sinne zu betreten und zu erkunden. Allerdings ist selbst die Bezeichnung „Rose“ wenig hilfreich für das spontane Verständnis, denn die ausgestellten Bilder sind abstrakte Kompositionen, die sich auf den ersten Blick kaum mit unseren im Gedächtnis gespeicherten Bilderwartungen – Pflanzen, Blumen, Rosen usw. – in Einklang bringen lassen. Auch das die Bilder begleitende, auf die Wand applizierte, an der Unterseite rötlich schimmernde Blattwerk vermittelt den Gedanken an Natur und Natürliches allenfalls auf einer abstrakten Ebene. Und das gerade live vom Künstler installierte Spalier mutet wie eine konstruktivistische Übung im Raum an, verbindet sich über seine Einzelteile – blaue Leisten, gelbe Kugeln, braune Perlenschnüre  jedoch mit den Bildern an der Wand, in denen die gleichen Elemente auftauchen. Dass sich Titel und Werk nicht so ohne Weiteres zur Deckung bringen lassen, folgt der künstlerischen Strategie von Holger Kasten Grauberg. Er selbst trägt heute Abend eine Gärtnerhose, was wiederum ein Indiz dafür ist, dass es hier wirklich um die Königin der Blumen geht.

 

Wenn man über das Motiv der Rose in der Kunst spricht, kommt man an der amerikanischen Schriftstellerin und Mäzenin Gertrude Stein nicht vorbei. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lebte sie in Paris – also in der Zeit, als Paris die Welthauptstadt der Kunst war – und verkehrte mit den maßgeblichen Literaten und Malern jener Jahre. 1922 veröffentlichte sie das expressionistische Gedicht „Sacred Emily“ (Heilige Emily), dessen bekannteste Zeile zum geflügelten Wort avancierte und bis heute in den unterschiedlichsten Zusammenhängen zitiert wird: „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose“. Diese Sentenz wird oft gleichgesetzt mit dem Satz der Identität, einem Grundsatz des logischen Denkens, demzufolge A = A ist, d.h. dass ein Gegenstand, Begriff oder Aussage mit sich selbst identisch ist und dass der Begriff – in unserem Falle „Rose“ – genügt, um eine Vorstellung und ein Bild davon zu vermitteln. Eine Rose ist halt eine Rose. Punkt. Jeder weiß, was gemeint ist, wenn er das Wort „Rose“ hört. Es ist nicht notwendig, das Ganze noch literarisch zu überhöhen oder metaphorisch anzureichern. Natürlich gab es aus nicht zuletzt dem Kreise der Botaniker Widerspruch, denn Steins lapidare Semantik würde der Vielfalt und Vielgestaltigkeit der Welt der Rosen überhaupt nicht gerecht werden können. Schließlich haben Rosenvermehrer und Rosenzüchter vor allem in den letzten 200 Jahren dafür gesorgt, dass es heute mehr als 20.000 – andere Quellen sprechen sogar von 30.000 – verschiedene Sorten Rosen gibt.

 

Auch die Kunst hat über Jahrhunderte dazu beigetragen, dass die Rose aus unserer Bild- und Vorstellungswelt nicht mehr wegzudenken ist. Ob Malerei, Literatur, Kunsthandwerk, Architektur, Musik, Fotografie, Volkskunst, Werbung – die Rose ist allgegenwärtig. Seit der Antike gilt sie vor allem als Symbol von Schönheit, Reinheit, Tugendhaftigkeit, Liebe und Leidenschaft. Von Cleopatra, die nicht nur in Eselsmilch gebadet, sondern sich auch auf Rosen gebettet haben soll, über die antike Rosenverehrung und die religiöse Rosensymbolik des Mittelalters, über die niederländischen Blumenstillleben des 17. Jahrhunderts, in denen die üppig blühende Rose sowohl Ausdruck von Wohlstand und Luxus als auch Vanitasmotiv sein konnte, über „Dornröschen“ und das „Heideröslein“ bis hin zur roten Rose in der geballten Faust der Sozialisten und Sozialdemokraten, die sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert als Zeichen für Solidarität, Freiheit und Aufklärung vor sich hertragen oder die vielfach im deutschen Schlager besungene Rose – diese Blume  hat sich in unserer Kulturgeschichte erfolgreich festgesetzt und vermehrt. Neben dem ästhetischen und metaphorischen Potenzial ist die Rose auch eine exklusive Nutz- und Heilpflanze, man denke an Rosenöl und Rosenschnaps. Und schließlich hat sie auch eine dunkle Seite, weil sie neben der Blütenpracht auch über Dornen verfügt und daher auch  die Dialektik von Freude und Schmerz, Schönheit und Gefahr, Verführung und Strafe verkörpern kann. Von rosigen Aussichten bis zum Rosenkrieg.

 

Angesichts einer solchen Omnipräsenz stellt sich die Frage, kann und sollte man als Künstler überhaupt noch Natur – Landschaft, Flora und Fauna – im herkömmlichen Sinne abbilden? Macht es noch Sinn, der unüberschaubar gewordenen Bilderproduktion weitere Beispiele hinzuzufügen, welche das vorhandene Repertoire nur graduell modifizieren? Holger Kasten Gaubergs Antwort lautet ganz klar: Nein! Für ihn sind die Grenzen längst ausgelotet. In den 1990er Jahren sorgte die Konfrontation mit den neuen digitalen Medien für einen letzten Inovationsschub in der traditionellen Malerei. Ob die analoge Hervorbringung von Bildern mit der gerade stattfindenden Etablierung KI-generierter Wirklichkeitsimulationen in der Zukunft konkurrieren kann, bleibt abzuwarten. In der Kunstgeschichte gab es immer wieder Momente, in denen einzelne Künstler glaubten, die darstellende Malerei habe ihren Endpunkt erreicht. Die gesamte Entwicklung der abstrakten Kunst verdankt sich solchen Impulsen, die die Kunst und die Künstler von der Forderung befreiten, Bilder sollten die sichtbare Welt mehr oder weniger erkennbar spiegeln. Anderseits lässt sich die visuelle Erfahrung der Realität kaum ausblenden und motiviert nach wie vor die künstlerischen Praxis. Für Holger Kasten Gauberg lautete die Ausgangsfrage daher der hier gezeigten Serie also, wie kann ich eine Rose malen, ohne eine Rose zu malen, ohne auf die tradierte Bildmodelle zurückzugreifen und erst recht ohne psychologische oder sentimentale Beiladung.

 

Und hier könnte ein Blick auf die „Okulation“, den zweiten Begriff im Titel, hilfreich sein. Dabei handelt es sich um ein Verfahren der Artenveredelung, insbesondere für Obstgehölze und Rosen, mit denen die Eigenschaften der Pflanzen gezielt verändert, verbessert werden können. Das Wort ist vom lateinischen oculus für Auge abgeleitet. Eine einzelne Knospe – gewissermaßen das Auge der Pflanze –  wird von einer Pflanze entnommen und unter die Rinde, die Haut, einer anderen eingesetzt. Der Vorgang nennt sich okulieren, zu deutsch: einpfropfen. Und im besten Falle wächst dann an diese Stelle etwas Neues, das die Eigenschaften von zwei verschiedenen Sorten in gewünschter Weise vereint bzw. die vorhandenen Eigenarten modifiziert. Die ungeheure Artenvielfalt der Rosen, ihrer Blütenformen und Farbenpracht, die die Herzen der Züchter und Liebhaber höher schlagen lassen, sind das Ergebnis von Okulation, aber auch Eigenschaften wie Wachstum, Frosthärte und Trockenresistenz lassen sich auf diese Weise modifizieren.

 

Auch wenn sie seit über zweihundertfünfzig Jahren praktiziert wird, lässt sich bei einer Okuklation nicht von vornherein nicht sagen, ob sie gelingt und die gewünschten Ergebnisse bringt. Sie ist immer auch ein Experiment. Die Bilder von Holger Kasten Gauberg könnte man in Analogie dazu als eine Art bildkünstlerische Okulation beschreiben, in der das von der Rose verkörperte Konzept Natur mit dem Konzept Abstraktion gekreuzt wird, um zu einer anderen Form der Darstellung zu gelangen. Für mich ist es eine Versuchsanordnung, in dem der Künstler das Vorbild aus der Natur – die Rose – mit der Souveränität der bildnerischen Mittel – Material, Form, Farbe, Komposition – konfrontiert. Er distanziert sich vom herkömmlichen Bildmodell Rose, aber ohne die damit verbundenen Vorstellungen vollkommen preiszugeben. Er fordert unsere Wahrnehmung heraus, fordert uns auf, unsere gewohnheitsmäßige Sicht auf die Dinge mal zugunsten einer anderen Perspektive aufzugeben. Also: was sehen wir:

 

Alle Bilder verfügen über einen hellgrünen Rahmen. Der darin eingefasste Bildgrund wird von Rottönen in einem Spektrum von Rosa bis Violett bestimmt. Wie in der Aquarellmalerei verteilt sich die Farbe scheinbar fließend über die Fläche, sammelt sich in malerischen Flecken und Farbinseln. In diese weiche, malerischeTextur, die zwischen Farbintensität und Transparenz changiert, sind kleinere und größere, unregelmäßige, aber klar umrissene, fest wirkende Flächen gesetzt. Parallel zum unteren Rand verläuft auf allen Bildern eine graugrüne Schliere, die sich mal mehr und mal weniger vom Grund abhebt.

 

Auf der gemalten Fläche sind jeweils einige plastische Elemente positioniert. Zum einen sind das gelbe Holzkügelchen, die einzelnen, zu mehreren oder in ganzen Clustern auftreten. Zum anderen dunkelbraune, schnurartig aneinandergereihte Holzperlen, die in kürzeren oder längeren Stücken, in geschwungenen Linien über den Grund gelegt sind, sich manchmal verzweigen und sich in einzelnen Fällen zu einer unregelmäßigen Ringform schließen.

 

Den vorderen oder oberen Abschluss der Komposition bilden blaue Leisten, die in unterschiedlicher Anzahl und Größe, meist leicht diagonal über die Längsseite der Bilder laufen und auf den Rahmen montiert sind. Mitunter gibt es auch kleine Querverstrebungen, so dass der Eindruck entsteht, es könnte sich um Teile einer größeren Gitterstruktur handeln. Die Verschränkung von Malerei und plastischen Elementen, die ihrerseits mit dem Blattwerk an der Wand und der aufgestellten Leistenkonstruktion korrespondieren, sorgt auch für eine Öffnung in den Raum hinein. Dabei geht es nicht nur um eine physische Präsenz und Verortung, sondern auch um die Aktivierung eines erweiterten gedanklichen Resonanzraum, der uns über die begrenzte Fläche der Bilder hinausführen soll.

 

Jedes Bild der Serie enthält die gleichen Elemente, jedoch in unterschiedlichen Konfigurationen und Gewichtungen. Sie bilden gewissermaßen einen bewusst limitierten Index von Farbe, Form und Material, mit dem Holger Kasten Grauberg auskommen will und muss. Die Bildformate variieren, doch der Fokus und die innerbildlichen Größenverhältnisse bleiben gleich. Von Bild zu Bild blicken wir auf eine Situation, die ähnlich erscheint, jedoch ständig in Veränderung begriffen ist. Darin kann man durchaus eine Analogie zu organischen Wachstums- oder Zerfallsprozessen erkennen, die ganz unterschiedliche Stadien durchlaufen. Diese Naturanalogie ließe sich fortführen, wenn man möchte: Die Rottöne lassen sich von den Rosenblüten herleiten, die gelben Holzperlen könnten ein Verweis auf die Staubblätter mit den Blütenpollen sein, die braunen Perlen auf die Fruchtknoten im Blütenboden und Grün ist die Farbe der Flora schlechthin. Nur das Blau fällt heraus, denn eine blaue Rose zu züchten, ist nicht möglich. Aber die unregelmäßige Gitterstruktur erinnert an ein Holzspalier, das Rosenfreunde als Rankhilfe errichten. Nur ergibt die Summe all dessen eben kein gewöhnliches Rosen-Bild, sondern eine Bild-Konstruktion, die einen bewussten Kontrapunkt zum Naturvorbild setzt. Hier herrschen die Gesetzmäßigkeiten der Kunst. Hier sind Rot, Blau und Gelb Primärfarben, die in Verbindung mit ihren Komplementären Grün, Orange und Violett stehen. Hier geht es darum, Farbe und Formen auf der Leinwand so zu organisieren, das ein Bild entstehen kann. Jedes einzelne Bild, aber auch die gesamte Serie ist das Ergebnis künstlerischer Entscheidungen: Das Kalkulierte trifft auf das zufällig Passierende, das kompositorisch Notwendige reagiert auf das malerisch Intuitive, Formfindung und Formauflösung wechseln einander ab.

 

Die Bilder von Holger Kasten Grauberg reproduzieren die Rose also weder als bloße ästhetische Reflexion ihrer Erscheinung, noch als Objekt einer botanische Anatomie. Sie könnten vielmehr als eine Art analytisches Gleichnis betrachtet werden, das viele unterschiedliche Aspekte der Rose aufruft: ihre natürliche Existenz, ihre kulturgeschichtliche Bedeutung, ihre Romantisierung, ihr Renommee als hochgezüchtete Zierpflanze, ihre Karriere als Königin der Blumen, ihre massenhafte Produktion...letztlich aber auch als vergängliche Lebensform, deren Bewahrung unter anderen auch Aufgabe der Kunst ist, die dafür immer wieder neue Ausdrucksformen findet.

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