
STERNENHIMMEL (Atelieraufbau), Maße variabel (240 x 300 cm),
Papierelemente (Acryl & Oelfarbe)

STERNENHIMMEL
Text: Dr. Carolin Quermann, Kunsthistorikerin, Dresden
Wie stellen wir uns den Himmel vor?
Zum „Sternenhimmel“ von
Holger Kasten Grauberg
Holger Kasten Grauberg bewegt sich gern an den Rändern des Erklärbaren – dort, wo Spiel statt Logik vorherrscht, wo Sichtbares in Unsichtbares übergeht, wo Erscheinungen sich widersprechen und erstaunliche Verwandlungen geschehen; zum Beispiel nahe den Sternen.
Schon allein der Begriff Himmels-„Körper“! Er gaukelt vor, dass es sich bei Sternen um greifbare Objekte handeln würde, als könne man sie vom Firmament pflücken oder wie Laternen umhertragen. Diese Vorstellung liegt nahe, wirken Sterne doch wie anfassbare Leucht-„Körper“ – eine so fantastische wie folgenreiche Täuschung, die dazu führte, dass Sterne zu einem der ältesten und bekanntesten Zeichen überhaupt materialisieren konnten. Das Mysterium ihres Leuchtens im dunklen Nichts ohne erkennbare Verankerung berührt, erstaunt, erschreckt und tröstet bis heute. Seit jeher verheißen Sterne Hoffnung und Orientierung. Physikalisch handelt es sich um gewaltige Kugeln aus heißem Gas, in deren Innerem durch Kernfusion Hitze- und Lichtstrahlung erzeugt wird. Leuchtende Sterne sind eigentlich körperloses Plasma.
Hier hinein begibt sich Holger Kasten Grauberg. Er spielt mit den altbekannten Zeichen der Sterne, mit dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren und sucht ein Äquivalent für das Leuchten der Körperlosen. Dafür greift er zu einfachen Mitteln: Als Material reichen ihm biegsamer Karton, Farbe, Schere, Klebeband und Reißzwecken. Der Künstler schneidet aus einem Karton dachziegelartige Formen, färbt sie ein, schneidet eine Sternform hinein, wölbt das Ganze und hängt das fertige Objekt im Rapport an die Wand. Die materielle Einfachheit darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass jeder Schritt wohlüberlegt, die Ausführung ausgefeilt und der Überbau komplex ist.
1. Leuchtendes Nichts
Holger Kasten Graubergs Sterne sind so körperlos wie ihre himmlischen Vorbilder. Ihr kraftvolles Leuchten wird von einem Neongelb erzeugt, das rückseitig angebracht ist und, im Weiß des gebogenen Kartons reflektierend, durch die ausgeschnittene Sternform nach außen strahlt. Seine Himmelskörper sind somit Abglanz, Reflex, Nachklang, Echo. Wie nebenbei berührt der Künstler hier die philosophische Frage nach Wirkung und Erscheinung. Die Sterne täuschen Autonomie vor, obwohl das eigentlich Wirkende – die rückseitige gelbe Farbe nämlich – außerhalb ihrer selbst liegt. Mit künstlerischer Finesse führt uns Holger Kasten Grauberg die Beschränktheit unserer Sinneswahrnehmung vor Augen: Das Eigentliche kann, für uns verborgen, in einer anderen Dimension liegen.
2. Gewölbe
Jedes einzelne Element der Installation „Sternenhimmel“ besteht aus einem gebogenen Stück Karton. Der Künstler wölbt ihn nicht ohne Hintersinn. Im Sich-Krümmen, im Biegen, im „Wölben“ steckt nicht nur Einsteins Raumkrümmung, sondern etymologisch auch das architektonische Ge-„wölbe“. Die Idee des Himmels-Gewölbes schwingt mit, das Kirchen-Gewölbe ebenso, das hin und wieder – in christlicher Symbolik – blau ausgemalt und mit goldenen Sternen verziert ist. Hier sei zum Beispiel an die Sternenhimmel-Apsis der Martin-Luther-Kirche in Dresden-Neustadt erinnert. Das Kirchengewölbe ist nicht länger Decke, sondern wird zum Himmelszelt selbst. Ob kosmisch oder architektonisch – hier wie dort handelt es sich beim Gewölbe um eine imaginierte Dachhaut, die sich schützend über uns wölbt. Passend dazu wählt Holger Kasten-Grauberg für seine Kartonelemente die Form einer Dachschindel als kleinstes Bauteil einer unermesslichen Himmelskuppel. Die kleine materielle Wölbung eines Papierkartons wird zur kosmischen Metapher gesteigert.
3. Individuum und Masse
Erst die Vielzahl der einzelnen, scheinbar identischen Elemente der Wandinstallation erzeugt die Anmutung eines Himmels. Der Rapport der Himmelskörper kann in alle Richtungen weiterwachsen: ein gleichmäßiges Muster, das sich stetig wiederholt. Wie jeder Himmel ist auch dieser theoretisch unendlich.
Ein feiner Farbverlauf, individuelle Abweichungen und die so kostbare Imperfektion des Handgefertigten zeichnen das Einzelteil jedoch als Unikat aus. Erst im Neben- und Übereinander, im Verbund mit seinesgleichen, verschwindet das einzelne Objekt in der Menge: Es geht in der Masse auf. Die ferne Illusion eines Sternenhimmels fiele jedoch sofort in sich zusammen, fehlte auch nur ein einziges Element. Hintergründig verweist Holger Kasten Grauberg hier auf das ambivalente Verhältnis zwischen dem Ganzen und dem Individuum. Welche Bedeutung, ja welche Macht erhält der Einzelne? Welche Regeln und Ordnungen braucht es, wieviel Freiheit und wieviel Konformität? Wie stellen wir uns den Himmel vor?
